Vorheriger Vorschlag

8. Integration in wissenschaftliche Prozesse

Nächster Vorschlag

10. Integration in Entscheidungsprozesse

Einleitungstext für Annotation

Infografik zum Ablauf der Annotationsgrafik

Markieren Sie eine Textstelle. Es erscheint nun ein Button "Kommentieren" über den Sie zur fraglichen Textstelle einen Kommentar verfassen können. Sie können den Kommentar dann einer Kategorie von drei Kategorien zuordnen.

Mit einem Klick auf eine farblich markierte Stelle im Text können sich den dazugehörigen Kommentar anzeigen zu lassen.

9. Integration in Bildungskonzepte

9.1.  State of the Art: Wo stehen wir mit dem Grünbuch?

Die Handlungsoptionen des Grünbuchs zu Bildungskonzepten und Citizen-Science lassen sich sinnvoll in vier Bereiche clustern: Schule, Außerschulische Lernorte, Universitäre Lehre, Lebenslanges Lernen.

 

9.1.1 Schule:

Im Grünbuch wurden folgende Handlungsoptionen skizziert: 1) Integration von Citizen-Science als Ansatz in die schulischen Lehrpläne, 2) Ausbau und Anpassung der Lehrinhalte zu Citizen-Science, 3) Einbindung von Schüler:innen.

Es gibt einige Praxisbeispiele, die eine erfolgreiche Einbindung von Schüler:innen in Citizen-Science-Aktivitäten belegen. Dies basiert allerdings nicht auf institutionalisierten Strukturen -  eine exemplarische Analyse der Lehrpläne Gymnasium/Gesamtschule der Fächer Biologie und Erdkunde für NRW (2019) und der Fächer Naturwissenschaft und Technik, Astronomie, Informatik, Mensch-Natur-Technik, Biologie, Chemie, Geographie, Gesellschaftswissenschaften, Kunst, Mathematik, Musik, Physik, Wirtschaft und Recht für Thüringen (2012-2018) ergab keine Nennung von Citizen-Science oder Bürgerwissenschaften.

Nur sehr wenige Lehrkräfte (n = 18, bei über 750.000 Lehrkräften in Deutschland 2019/20) nahmen an der Umfrage der AG Weißbuch teil, davon waren 80% von Gymnasien und nach eigenen Angaben hatten nur sechs bereits mit Lerngruppen an Citizen-Science-Aktivitäten teilgenommen, acht gaben an, dies zu planen. Die Lerngruppen, mit denen Citizen-Science-Projekte durchgeführt wurden oder geplant sind, sind hauptsächlich Lernende der Klassen 10-12. Die Durchführung ist meist im Fachunterricht angesiedelt, findet seltener extracurricular statt.

 

9.1.2 Außerschulische Lernorte:

Im Grünbuch wurde die Etablierung und Unterstützung von Citizen-Science-Strukturen durch den Ausbau von Citizen-Science als Lernangebot in außerschulischen Lernorten (wie beispielsweise Umweltbildungszentren, Museen oder Bibliotheken) als Handlungsoption identifiziert.

Es konnten zahlreiche Beispiele für die Einbindung von unterschiedlichen außerschulischen Lernorten in Citizen-Science-Aktivitäten gefunden werden. Beispielsweise etablierte das Schülerlabor Kieler Forschungs:werkstatt ein erfolgreiches Projekt, indem Schüler:innen die Verschmutzung von Gewässern mit Plastik kartierten. Die Umfrageergebnisse (n = 92) zeigen jedoch, dass bisher relativ wenig Kooperationen zu Museen (7%), Schülerlaboren (4%) oder Bibliotheken (3%) bestehen. Häufiger gibt es Kooperationen mit Vereinen und NGOs (34%). Einige Institutionen sind gemäß der Recherche in mehrere Citizen-Science-Projekte eingebunden. Die Hauptzielgruppe sind dabei die Erwachsenen.

 

9.1.3 Universitäre Lehre:

Die Einbindung von Citizen-Science in wissenschaftliche Forschung in der universitären Lehre und Integration in die Curricula der Studiengänge wurde im Grünbuch als Handlungsoption angegeben.

Citizen-Science als wissenschaftliche Methode wird bisher kaum gelehrt, auch wenn vereinzelt punktuelle Maßnahmen wie Summer/Winter Schools und Trainingsworkshops angeboten werden. Es werden kaum Abschlussarbeiten unter Anwendung von Citizen-Science-Methoden angefertigt. Citizen-Science ist trotz des Potentials noch nicht in allen Fachbereichen angekommen. Eine Reihe positiver exemplarischer Beispiele zeigt gewinnbringende, auf Citizen-Science-fußende Kooperationen zwischen Schulen und Universitäten. Ähnliches gilt für Kooperationen zwischen Forschungsinstitutionen (in denen Citizen-Science beforscht wird) und akademischen Bildungseinrichtungen.

 

9.1.4 Lebenslanges Lernen:

Das Grünbuch identifizierte folgende Handlungsoption: Ermöglichung eines lebenslangen Lernens durch Citizen-Science für alle Bildungsgruppen. Diese Handlungsoption wird in die Aspekte Lerneffekte und Bildungsangebote unterteilt. Die Umfrage legt nahe, dass Citizen-Science mehrheitlich positive Lerneffekte hat, wobei Teilnehmer:innen und Projektkoordinator:innen in ihrer Einschätzung voneinander abweichen (vgl. Abb 7). Teilnehmer:innen schätzen die Wirkung von Citizen-Science auf ihr Wissen positiver ein (nWissen = 94) als die Wirkung auf ihr Interesse (nInteresse = 93), ihre Fähigkeiten (nFähigkeiten = 94) oder ihre Einstellungen (nEinstellungen = 93). Projektkoordinator:innen schätzen das erworbene Wissen (nWissen = 26), die Fähigkeiten (nFähigkeiten = 20), das Interesse (nInteresse = 18) und die Einstellungen (nEinstellungen = 16) von Teilnehmer:innen durchweg positiver ein. Mehrheitlich haben Projektkoordinator:innen die Wirkung bisher nicht evaluiert. Die Einschätzung der Wirkung auf Teilnehmer:innen basiert allerdings zum Großteil auf den Erfahrungen der Projektkoordinator:innen. Finanziell geförderte Citizen-Science-Projekte nutzen häufiger strukturierte Interviews und/oder standardisierte Fragebögen zur Evaluation.

Abb. 7: Vergleich der Einschätzung inwiefern Bildungsziele erreicht wurden im Vergleich ziwschen Projektkoordinierenden und Teilnehmer:innen

Manche Bildungsangebote werden seltener in die Projekte aufgenommen (z.B. systematische Rückmeldung, Expertiseplattform) obwohl sie ähnlich häufig von Teilnehmer:innen genutzt werden. Ein Beispiel: Während die meisten Projekte (n = 79 befragte Koordinator:innen) Infomaterialien anbieten (ca. 71%), nutzt nur knapp die Hälfte der Teilnehmer:innen (n = 113 befragte Teilnehmende) diese Infomaterialien (ca. 48%). Knapp die Hälfte der Teilnehmer:innen berichtet auch, dass sie systematische Rückmeldungen in den Projekten nutzt (ca. 45%) (vgl. Abb. 8). Obwohl systematische Rückmeldungen an Teilnehmer:innen eine positive Wirkung auf die Einschätzung ihres Wissens und ihrer Fähigkeiten haben, bieten weniger Projekte den Teilnehmer:innen systematische Rückmeldung (ca. 38%). Teilnehmende, die systematische Rückmeldung zu ihren Tätigkeiten im Projekt erhalten haben, schätzen ihr Wissen und ihre Fähigkeiten positiver ein als Teilnehmer:innen, die keine Rückmeldung erhalten haben (Wissen: nFeedback = 51, nkeinFeedback = 59; Fähigkeiten: nFeedback = 51, nkeinFeedback = 56).

Abb. 8: Vergleich zwischen Teilnehmer:innen, die systematische Rückmeldung erheben oder nicht.

*p < .05; **p < .01; ns = nicht signifikant

Teilnehmer:innen schätzen ihr Wissen und ihre Fähigkeiten in Abhängigkeit davon, ob sie Infomaterialien genutzt oder nicht genutzt haben, nicht unterschiedlich ein (vgl. Abb. 9). Infomaterialien scheinen gegenüber der systematischen Rückmeldung für das Wissen und die Fähigkeiten der Teilnehmer:innen eine untergeordnete Rolle zu spielen (Wissen: nInfomaterial = 54, nkeinInfomaterial = 56; Fähigkeiten: nInfomaterial = 53, nkeinInfomaterial = 54).

Abb. 9: Vergleich zwischen Teilnehmer:innen, die Infomaterial genutzt haben oder nicht.

s = nicht signifikant

9.2.  Was sind die Bedürfnisse, Möglichkeiten und Herausforderungen?

9.2.1 Schule:

In den untersuchten Lehrplänen konnten Anknüpfungspunkte gefunden werden, die das Potential Citizen-Science in die Curricula zu integrieren, bestätigt. Jedoch bedarf es dazu einer Kollaboration zwischen Kultusministerkonferenz, verantwortlichen Institutionen in den einzelnen Bundesländern und der Citizen-Science-Community. Zudem ist es erforderlich, das Thema Citizen-Science in die Lehreraus- und -fortbildung zu integrieren.

Ein Beleg für die mangelnde Vernetzung von Lehrkräften und Citizen-Science ist die sehr geringe Beteiligung von Lehrkräften an der Umfrage der AG Weißbuch. Die Lehrkräfte scheinen entweder nicht erreicht worden zu sein oder das Thema nicht als relevant eingestuft zu haben.

9.2.2 Außerschulische Lernorte:

Die mehrfache Beteiligung von außerschulischen Bildungseinrichtungen könnte darauf hinweisen, dass sich Citizen-Science als Ansatz in diesen Institutionen etabliert. Es zeigte sich jedoch, dass Schülerlabore, die oft direkt mit Forschungsinstitutionen verbunden sind, selten Kooperationspartner sind. Es bleibt offen welche Faktoren diesen Prozess begünstigen. Sind es die Akzeptanz in der Institution, Fördermittel, designierte Ressourcen oder persönliche Erfahrungen? Es scheint jedoch, dass es mehr Strukturen und Angebote braucht, die interessierte außerschulische Lernorte und Citizen-Science-Koordinierende anregt und unterstützt. Die Befragten identifizierten drei Bereiche für Herausforderungen zur Aufnahme von Citizen-Science in ihre Lernangebote: wenig flexible Organisationsstrukturen, fehlenden personelle und finanzielle Ressourcen und fehlende Fachkenntnisse und unterstützende Materialien wie Leitfäden.

9.2.3 Universitäre Lehre:

Unter anderem aus der Umfrage geht hervor, dass aufgrund von Unkenntnis hinsichtlich des Potentials von Citizen-Science für die Forschung seitens vieler Studierenden eine geringe Aufgeschlossenheit für Citizen-Science-Inhalte besteht. Ähnliches gilt für die Dozierenden, denen zwar Citizen-Science mehrheitlich bekannt ist, jedoch aufgrund des Mangels an Angeboten an Fortbildungsmöglichkeiten zum Thema Citizen-Science diese Methoden nicht lehren können. Es fehlt demnach das Lehrpersonal mit entsprechender Expertise sowie die Verankerung in den Curricula der Studiengänge. Beides wird von der EU jedoch als wichtiger Punkt angesehen und eingefordert [82]. Die Missstände in der universitären Lehre in der Lehramtsausbildung hinsichtlich Citizen-Science setzen sich naturgemäß in den Schulen fort.

9.2.4 Lebenslanges Lernen:

Die positiven Einschätzungen der Projektkoordierenden hinsichtlich Wissen, Interesse, Fähigkeiten und Einstellungen der Teilnehmer:innen deuten auf positive Lern- und Entwicklungseffekte in Citizen-Science-Projekten hin. Allerdings sollten die Ursachen der Abweichung zwischen den Einschätzungen der Teilnehmer:innen und  Projektkoordinator:innen ergründet und erklärt werden (z.B. sozial erwünschten Antworten,  Selbstselektion). Wichtiger scheint jedoch die Unterstützung von Projektevaluationen durch eine Förderung zu sein, da so standardisierte Fragebögen und strukturierte Interviews zur Gewährleistung vergleichbarer Evaluationen eingesetzt werden können.

Bildungsangebote, die in vielen Citizen-Science-Projekten geschaffen werden, werden nicht zwingend auch von mehr Teilnehmer:innen genutzt. Gefragte und erfolgreiche Bildungsangebote (z.B. Rückmeldung zu Tätigkeiten) sollten in vielen Fällen weiter ausgebaut werden.

 

9.3.  Handlungsempfehlungen

 

Bestehendes Stärken:

(9).1.

Wissenschaft und Bildungseinrichtungen sollten gemeinsam Praxisempfehlungen zur Etablierung von Citizen Science in außerschulischen Lernorten (weiter)entwickeln und verfügbar machen.

(9).2.

Um freiwilliges Lernen zu ermöglichen und attraktiv zu machen , sollten Citizen Science-Koordinator:innen Bildungsangebote auf die Interessen und Fähigkeiten der Teilnehmer:innen abstimmen, indem sie auf bisherige Forschung zur Motivation von Teilnehmer:innen zurückgreifen.

(9).3.

Praktiker:innen sollten basierend auf Forschungsergebnissen effektive Bildungsangebote, wie die systematischen Rückmeldungen zu Tätigkeiten an Teilnehmer:innen, in Projekten ausbauen, um Lernen zu fördern.

 

Neues Schaffen:

(9).4.

Die Kultusministerkonferenz und Bildungsministerien der Länder sollen die Integration von Citizen Science als Thema in Lehrpläne sowie Aus- und Fortbildung von Lehrkräften als Format für forschendes Lernen in authentischen Kontexten initiieren und dies durch Entwicklung von Lehr- und Lernmaterialien fördern.

(9).5.

Förderer unterstützen Citizen Science-Koordinator:innen,  Bildungseinrichtungen und Bildungswissenschaften bei der gemeinsamen Entwicklung von Lehr- und Lernmaterialien basierend auf dem Stand der aktuellen Forschung um Citizen Science in die Unterrichtspraxis zu integrieren.

(9).6.

Wissenschaftseinrichtungen sollten Capacity-Building-Maßnahmen zum Thema Citizen Science für Hochschuldozent:innen anbieten im Rahmen von geförderten internen oder externen Fortbildungsangebote, sodass Citizen Science in die Modulpläne und somit die universitäre Lehre integriert wird (vgl. Handlungsfeld 8).

(9).7.

Förderer und Wissenschaftseinrichtungen sollten die Evaluation sowie Erforschung (vgl. Handlungsfeld 15) von Bildungsprozessen in Citizen Science finanziell und fachlich unterstützen, indem Förderprogramme entsprechende Evaluationen finanzieren und forcieren, über Leitfäden zur Evaluation fachliche Hinweise vermitteln und Kooperationen zwischen Citizen Science-Projekten und der Bildungsforschung stärken.

 

 

Integration in Prozesse von Wissenschaft, Politik & Praxis:

 

(9).8.

Entwicklung eines umfangreichen und langfristigen Citizen Science-Förderprogramms, das Schulen, außerschulische Lernorten, Hochschulen und andere Forschungseinrichtungen integriert.

Ein erfolgreiches Best-Practice-Modell für die geforderten Handlungsoptionen zur Stärkung der Zusammenarbeit von Bildung und Wissenschaft im Bereich Citizen Science stellt das umfangreiche und langfristige Förderprogramm Sparkling Science (2007 bis 2020, 3 Mio Euro pro Jahr mit sukzessiver Erhöhung auf 6,5 Mio Euro) in Österreich dar. Der durch Evaluation belegte Erfolg des Förderansatzes, der Schulen, außerschulische Lernorten, Hochschulen und andere Forschungseinrichtungen integriert, sollte als Vorbild dienen für die Entwicklung innovativer Strukturen und Aktivitäten im Bereich Bildungskonzepte und Citizen Science.

 

 

Die neuesten Beiträge

Annotation vom 08.10.2021 - 18:44
Annotation vom 05.10.2021 - 10:40
Annotation vom 05.10.2021 - 10:37
Annotation vom 05.10.2021 - 10:34
Annotation vom 05.10.2021 - 10:32