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7. Recht und Ethik

 

7.1      State of the Art: Wo stehen wir mit dem Grünbuch?

Im Grünbuch wurden zwei Forderungen zu Recht und Ethik formuliert: Im Falle rechtlicher Konflikte sollten Handlungsleitfäden zu den Themen „Daten-Offenheit“, „geistiges Eigentum“ und „Datenschutz“ für Citizen-Science-Projektinitiatorinnen und -initiatoren sowie Teilnehmende erarbeitet werden [16, S. 28]. In Bezug auf ethische Konflikte bedurfte es einer weiteren Klärung und Überprüfung ethischer Fragen zu und über Citizen-Science. Auf die Forderungen wurde bisher sehr verschieden reagiert, weshalb wir streng den gegenwärtigen Stand von Recht und Ethik trennen müssen.

7.1.1 Recht

In Bezug auf rechtliche Fragestellungen wurden bereits einige Handlungsempfehlungen des Grünbuchs umgesetzt:

  1. Umfrage zur rechtlichen Konflikten, Identifizierung von Konflikten und Handlungsoptionen: Hier wurde im Juni 2020 eine Umfrage unter Projektleiter:innen der deutschen Citizen-Science-Community durchgeführt, die Fragen zu den Themenfeldern Versicherungsschutz, Datenschutz und Urheberrecht sowie zum Beratungsbedarf beinhaltete. Aus den Antworten der insgesamt 69 Teilnehmer:innen lässt sich eine große Unsicherheit und ein sehr hoher Beratungsbedarf, vor allem zu den Themen Bildrechte, Lizenzen sowie insgesamt zum Umgang mit Daten identifizieren [73]. Auch in der Weißbuch-Umfrage DACH wurde ein Fragenblock zu rechtlichen Fragestellungen aufgenommen. Hier steht beispielhaft für den hohen Beratungsbedarf die Antworten nach der offiziellen Regelung im Umgang mit Daten (Datenmanagementplan), die 38% mit ja, 22% mit nein und der Großteil (41%) mit ich weiß es nicht beantworteten.

  2. Erarbeitung eines Leitfadens, Finalisierung des Leitfadens: Konsultationen, Formulierungen, Verbreitung, Vermittlung seiner Handhabung: Der rechtliche Leitfaden wurde erstellt und setzt sich intensiv mit den für Citizen-Science-Projekte relevanten Fragestellungen, nämlich Versicherungsschutz, Datenschutz und Persönlichkeitsrechte sowie dem Urheberrecht auseinander [31].

7.1.2 Ethik

Im Unterschied zu den Fortschritten bei den rechtlichen Fragen lässt sich bezüglich der Forderungen zur Ethik eine weniger positive Bilanz ziehen. Tatsächlich lassen sich so gut wie keine Fortschritte nachvollziehen. Zumindest kann auf der Basis der Weissbuch-Umfrage DACH gesagt werden, dass auf der Schnittstelle zu formalisierten Regeln auch für ethische Konflikte Lösungen existieren. So haben 48% die Frage nach dem Vorhandensein von Regeln zum Umgang mit geistigem Eigentum bejaht, 9 % beantworteten sie mit nein und 43% gaben an, dass sie es nicht wissen (n=289). Die Frage nach der Existenz ethischer Leitlinien im Projekt für Konflikten beantworteten nur 6% mit ja, 41% mit nein und hier gab sogar die Mehrheit von 53% an, dass sie es nicht wissen (n=287). Schließlich gab es auf die offene Frage nach den vorhandenen Regelungen zur Klärung ethischer Konflikte 16 Antworten. Die dort genannten Ansätze lassen sich mit denen in der Wissenschaft und anderen Organisationen vergleichen. So gaben die Teilnehmer an, dass es in ihren Projekten unter anderem folgenden Regelungen existieren: Verhaltenskodex, "Streitschlichter", strukturierte Maßnahmen, Kodex nach den Qualitätskriterien von "Österreich forscht", Regelungen von Ethikkommissionsanträgen, Netiquette, Vereinsstatuten.

 

7.2. Was sind die Bedürfnisse, Möglichkeiten und Herausforderungen?

Die Bedürfnisse, Möglichkeiten und Herausforderungen im Bereich des Rechts lässt sich zum einen am hohen Beratungsbedarf zu rechtlichen Fragestellungen festmachen. Weiterhin gibt es eine große Unsicherheit zum Umgang mit Daten (Datenschutz) und geeigneten Lizenzmodellen (Urheberecht) sowie zum Thema Bildrechte. Dies zeigt sowohl die Umfrage zu rechtlichen Fragen [73] als auch die Weissbuch-Umfrage DACH. Dort ist zudem ein generelles Bekenntnis zu Open Access festzustellen, die konkrete Beratung der Realisierbarkeit stellt hingegen ein Desiderat dar.

Der Leitfaden [31] kann basierend auf der aktuellen Rechtslage Musterlösungen aufzeigen und den rechtlichen Rahmen aufzeigen, jedoch eine individuelle Rechtsberatung nicht ersetzen. Zudem ändert sich die Rechtslage durch neue Rechtsprechungen sowie die Anpassung an europäisches Recht (vor allem das Urheberrecht wird sich im Juni 2021 reformieren).

Der Wunsch nach Austausch zu diesen Themen ist groß und dem konnte mit der Neugründung der AG „Citizen-Science & Recht“ nachgekommen werden. Zusätzliche (lokale) Workshops und Beratungsangebote stellen einen weiteren Lösungsansatz dar.

Bedürfnisse, Möglichkeiten und Herausforderungen zur Ethik lassen sich nur interpretativ aus der Weissbuch-Umfrage DACH herauslesen. Dazu haben wir die offene Frage nach den Erfahrungen entsprechend der darin enthaltenen Konflikte, auch wenn sie nicht direkt benannt werden, entsprechend bekannter ethischer Probleme zusammengefasst. Die Frage lautete: „Mit welchen rechtlichen oder ethischen Fragestellungen im Bereich Citizen-Science haben Sie sich bereits beschäftigt? Welche Probleme sind in Ihrem Projekt bisher in diesem Bereich aufgetreten? Schildern Sie uns hier gerne Ihre Erfahrungen.“ Es gab 108 Antworten, von denen wir einige illustrativ auf vier Herausforderungen für die Konstitution ethischer Konflikte zusammenfassen:

  • Informationsproblem: Dieser Konflikt entsteht aus dem Unwissen der Beteiligten über bestimmte Normen der gemeinsamen Forschungsarbeit. Exemplarisch wird dies durch folgende Aussagen ausgedrückt: „Wann muss man einen Ethikantrag stellen?“ oder „Ist die "Erhebung" des Inputs von Co-Forscher:innen bereits eine Datenerhebung, so dass ein Ethikantrag gestellt werden muss?“ Gleich gelagert ist auch die Aussage guter „wissenschaftlicher Praxis“, die unter Umständen nicht von allen gleich verstanden wird. Durch den Mangel an Informationen nach welchen Regeln die gemeinsame Forschungspraxis organisiert wird, können ethische Konflikte entstehen: „Reputation bekommen die Forscher:innen, nicht die Bürger:innen, oder?“ Dafür steht auch die folgenden Erfahrung:„Vereine und Initiativen sind sich Ihres wissenschaftlichen Potentials nicht bewusst und können sich in einen wissenschaftlichen Arbeitsprozess nicht einbringen.“
  • Anerkennung: Eine Reihe von Aussagen behandeln die notwendige Anerkennung der nicht akademisch Forscher:innen in den Projekten. Zum Beispiel zielt die in der Umfrage geäußerte Frage: „Inwiefern sind Teilnehmer die Bodenproben beitragen als "Mit-Erfinder" anzusehen?“ auf die grundsätzliche Anerkennung der Beteiligten als gleichwertige Forschende oder im Sinne einer „Anerkennung von Citizen-Science innerhalb der Spitzenforschung“. Das Problem der Anerkennung scheint ebenso in der Publikationspraxis ein wichtiger Punkt zu sein: „Nennung der Citizen Scientists in Publikationen“. Das Problem der Anerkennung geht jedoch über die Publikationspraxis hinaus, wie die folgende Aussage deutlich macht: „Frage der Entlohnung oder sonstigen Anerkennung der Leistung von Freiwilligen war Thema an einem unserer Netzwerktreffen. […] Respekt gegenüber den Teilnehmer:innen ist auf alle Fälle essentiell.“ Die gleiche Aussage lässt sich auch in der folgenden Erfahrung nachzeichnen: „Citizen Scientists beteiligen sich in ihrer Freizeit. Sie möchten oft nicht nur einen kleinen finanziellen Obulus für die Arbeit, sondern vor allem fachliche und persönliche Anerkennung ihrer Leistung und ihres Wissens. [..]Das nicht zu beachten kann zu verstimmungen (sic!) führen und damit das Projekt negativ beeinflussen.“ Ein letzter Punkt ist die nachhaltige Anerkennung der Citizen-Science, die aufgrund der projektbezogenen Organisationsform von Citizen-Science ein zunehmend schwierigeres Problem darstellt: „kurzfristige Projektdauer --> Aufbauen einer Community --> nach Projektende --> Fallenlassen der Community (ethisch vertretbar?)“
  • Missbrauch: Das vermutlich dramatischste Feld ethischer Konflikte ist die Gefahr des Missbrauchs von Citizen-Science. Die bezieht sich zum einen auf die Freiwilligkeit der Citizen Scientists, wie einer der Teilnehmer:innen Personen identifiziert: „Notwendigkeit zur Kostenreduzierung in der Forschung (Auslagerung der Datenakquise)“. Der Missbrauch der Citizen-Science als kostengünstige Alternativen zu bezahlten Kräften wird auch hier deutlich: „‘Ausbeutung‘ der Teilnehmer:innen“. Indes kann auch die Instrumentalisierung der Citizen-Science durch die aktuelle Wissenschaftspolitik einen missbräuchlichen Charakter haben, wie die folgende Aussage der Umfrage problematisiert: „Es könnte der Eindruck entstehen, dass ‚Citizen-Science‘ nicht den Ursprünglichen Zweck erfüllt, frei forschen zu können. Es scheint sich die Doktrin der bürokratischen Wissenschaftsebene auf die freie ehrenamtliche Forschungsebene überzugreifen. Der Spaß an Forschung geht möglicherweise dadurch verloren.“
  • Konventionalisierung neuer Praxis: Eine vierte Herausforderung ist die notwendige Aushandlung neuer Regeln für eine immer professionalisierte Citizen-Science. Dabei steht die Frage nach den anzunehmenden Regelungen und wer sie formuliert im Mittelpunkt. Ethische Konflikte entstehen hierbei, wenn sie bestimmte Gruppen gegenüber anderen durchsetzen und Citizen-Science mit ihren Regeln quasi kapern. Die Sensibilität gegenüber dieser Herausforderung wird etwa im Folgenden sichtbar: „Frauensegregation, wurde total ignoriert wegen lokalen Umständen“. Auch eine gewisse Erwartungshaltung zu diesem Prozess und seinen möglichen Problemen wird durch die Teilnehmer:innen Personen formuliert: „Citizen-Science und wissenschaftliche Integrität ist ein Aspekt, den die Akademien und Science et Cité voraussichtlich aufgreifen werden“.

7.3      Handlungsempfehlungen

(7).1.

Förderer sollten den Aufbau und Betrieb eines Rechtsberatungsangebotes finanziell, in Form von zusätzlichen Personalstellen oder Projekten zur Ausarbeitung von offenen Schulungsmaterialien, unterstützen.

(7).2.

Forschungs- und Bildungseinrichtungen sollten lokale Anlaufstellen für Rechtsberatungen im Citizen Science-Umfeld anbieten, die unter anderem Einzelberatungen sowie Workshopangebote für Interessierte enthalten. Des Weiteren wäre eine nationales Netzwerk zum Austausch der rechtlichen Anwendungsfälle für einen stetigen Wissensgewinn förderlich.

(7).3.

Praktiker:innen und Wissenschaftler:innen sollten in Kooperation Standards und Leitlinien verfassen, wie gerechte Citizen Science-Praxis aussehen sollten, und darüber in ihrem Umfeld und Netzwerk aufklären. (-> Verweis auf Handlungsfeld 9 “Bildungskonzepte”, da die Themen Ethik und Recht auch Bestandteil von Weiterbildungen sein sollten) Zur Einbindung der Community sind hier annotierbare dynamische Dokument hilfreich.

(7).4.

Förderer sollten Citizen Science im Kodex „Leitlinien zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ verankern.

(7).5.

Die Arbeit bestehender Ethikräte und Ethikkommissionen in der Wissenschaft sollte auf die Belange und Konflikte von Citizen Science ausgeweitet werden

(7).6.

Initiator:innen aus Politik, Praktiker:innenn und Wissenschaft sollten gemeinsame und von allen akzeptierte Spielregeln von Citizen Science-Projekten vereinbaren. An der Formulierung der gemeinsamen Regeln für Citizen Science-Projekte sollen alle Beteiligten gleich und fair beteiligt werden.

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