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Die AG-Weißbuch

Um die Visionen und Handlungsfelder des Grünbuch Citizen Science-Strategie 2020 für Deutschland zu überprüfen und in einer Weißbuch Strategie zu verankern wurde die AG Weißbuch als bottom-up Netzwerk von verschiedenen Organisationen im April 2020 initiiert. In der AG Weißbuch waren alle Interessierten der Citizen Science-Community in Deutschland eingeladen, aus dem Grünbuch der Citizen Science-Strategie für Deutschland 2020 ein Weißbuch zu entwickeln.

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15. Begleitforschung Citizen-Science

Einleitung


An die Wirkung von Citizen-Science werden hohe Ansprüche gestellt: Citizen-Science soll Wissen vermitteln, das Verständnis von Forschungsprozessen erhöhen, gesellschaftliches Engagement stärken und eine Öffnung der Wissenschaft vorantreiben. Bisher ist allerdings kaum erforscht, inwiefern Citizen-Science diesen unterschiedlichen Ansprüchen gerecht wird bzw. werden kann. Erkenntnisse hierzu kann die Begleitforschung liefern.
Der Begriff Begleitforschung bezeichnet einen anwendungsorientierten Forschungstyp, der zum Ziel hat, durch Anwendung von qualitativen und quantitativen wissenschaftlichen Methoden die Wirksamkeit und den Nutzen wirtschaftlicher, technischer oder politischer Maßnahmen und Programme abzuschätzen. Dabei gibt es Schnittmengen insbesondere zur Evaluations- und Innovationsforschung. Während die verwendeten wissenschaftlichen Methoden identisch sein können, liegt der Evaluation immer eine bewertende Perspektive zugrunde, die durch die Ausarbeitung konkreter Ziele und der Zugrundelegung eines spezifischen Maßstabs legitimiert wird. Der Fokus einer wissenschaftlichen Begleitforschung hat dagegen primär keinen bewertenden Charakter [118]. Eine Begleitforschung für Citizen-Science hat die Aufgabe, Wissen über Citizen-Science-Projekte, speziell auch ihre Durchführung und Wirkung zu generieren.
Unter Begleitforschung im Bereich Citizen-Science versteht man daher die wissenschaftliche Untersuchung der Umsetzung und Effekte von Citizen-Science-Projekten bzw. -Programmen. Sie beschreibt alle Forschungsaktivitäten, die nicht die Forschungsfrage des Projektes, sondern das Projekt selbst zum Gegenstand haben. Beispielsweise Fragen danach, welche Zielgruppen mit einem Projekt erreicht wurden, welche Faktoren die Motivation der Teilnehmer:innen beeinflussen und was die Bürger:innen aus dem Projekt mitnehmen, können im Rahmen von Begleitforschung adressiert werden. Diese Forschung ist essentiell, um herauszufinden, welche Ansprüche an Citizen-Science tatsächlich erfüllt werden. Erst durch diese Erkenntnis ist es möglich, das Feld Citizen-Science wissenschaftlich fundiert weiterzuentwickeln – konzeptionell wie analytisch. Die Erreichung der Ziele in einem Citizen-Science-Vorhaben wird durch Evaluationsforschung überprüft. Auch wenn die Übergänge zwischen Begleitforschung und Evaluationsforschung vielfach fließend sind und beide den gleichen vielfältigen und jeweils individuell an den Forschungsprozess anzupassenden Kanon wissenschaftlicher Methoden verwenden, gilt es zu unterscheiden, welche Form der Forschung angewendet wird und welche Ziele damit verfolgt werden.


15.1. State of the Art: Wo stehen wir mit dem Grünbuch?

Begleitforschung zu Citizen-Science findet bereits im Grünbuch für eine Citizen-Science Strategie 2020 für Deutschland Erwähnung. Seither sind das Interesse an und der Bedarf nach begleitenden Forschungsmaßnahmen seitens der Politik, der Gesellschaft sowie der Wissenschaft stark gestiegen. In vielen Förderprogrammen ist jedoch die Notwendigkeit für Begleitforschung von Citizen-Science noch nicht ausreichend dokumentiert: Für eine nachhaltige und wissenschaftliche Entwicklung des Feldes Citizen-Science braucht es eine wissenschaftliche Begleitforschung, die als eigenständige professionelle Leistung mitgedacht – und vor allem gefördert – wird.
Bisher ist die Expertise zur Erforschung von Citizen-Science in Deutschland noch begrenzt. Zugleich sind wenige Erfahrungen hinsichtlich der Konzeption und Implementierung von Studiendesigns vorhanden. Die Arbeitsgruppe Science of Citizen-Science in Zusammenarbeit mit Bürger schaffen Wissen versucht daher, die Perspektive der wissenschaftlichen Begleitforschung in Deutschland zu etablieren. Der hohe Bedarf an wissenschaftlich fundierten Studien zur Wirksamkeit von Citizen-Science wird auch in der internationalen Literatur immer wieder hervorgehoben [119,75,120,121,122]. Um Begleitforschung überhaupt durchführen zu können, ist es darüber hinaus notwendig, die Akzeptanz und das Verständnis für Begleitforschung und damit die Bereitschaft zur Teilnahme in der Bevölkerung zu erhöhen. Das kann durch eine gezielte Wissenschaftskommunikation über den Mehrwert der Begleitforschung gelingen (vgl. Handlungsfeld 4).
Nachdem die Evaluation von Citizen-Science-Projekten bereits eine Bedingung in einer Vielzahl an Förderrichtlinien darstellt, wurde im Juli 2020 erstmalig die begleitende Evaluation eines gesamten Förderbereichs (Förderbereich Bürgerforschung des BMBF) in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse der begleitenden Evaluation sollen dazu beitragen, Erkenntnisse bezüglich der Auswirkungen von bürgerwissenschaftlichen Projekten in der Wissenschaft, in den beteiligten Institutionen, bei den beteiligten Bürgerforscher:innen und Wissenschaftler:innen zu erlangen. Diese begleitende Evaluation von Citizen-Science ist eine wichtige Entwicklung im Feld des Qualitätsmanagements. Dennoch sollte Forschung über Citizen-Science nicht auf evaluative Betrachtungen beschränkt bleiben, sondern kann beispielsweise auch Analysen der Zielgruppen und deren Bedarfe, Interesse und Motivation sowie Untersuchuchungen des Nutzer:innenverhaltens umfassen.


15.2. Was sind die Bedürfnisse, Möglichkeiten und Herausforderungen?

Es gibt erste Ansätze, Begleitforschung im deutschsprachigen Raum strukturell zu verankern (z. B. AG Science of Citizen-Science in Zusammenarbeit mit Bürger schaffen Wissen, Professur für Citizen-Science an der FSU Jena oder die Arbeitsgruppe Citizen-Science in Agrarräumen am Johann Heinrich von Thünen-Institut Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei), jedoch muss Begleitforschung zu Citizen-Science-Projekten stärker etabliert und gefördert werden (vgl. Box 11).
Eine Herausforderung für die Begleitforschung ist die Diversität der Citizen-Science-Projekte. Das Forschungsdesign der Begleitforschung muss spezifisch an die Ziele, den Inhalt und die Methoden jedes Projektes angepasst werden. Dabei sind qualitative wie quantitative Methoden und Zugänge gleichermaßen relevant wie sinnvoll. In vielen Fällen erfordert eine umfassende Begleitforschung die Einbeziehung der o. g. interdisziplinären Perspektive. Zudem müssen die jeweils angepassten Forschungsdesigns stets eine Übertragung in andere Citizen-Science-Projekte mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen mitdenken und diskutieren. Optimal eignen sich empirische Zugänge, die generalisierbare Erkenntnisse über Wirkzusammenhänge erzeugen, die auf andere Projekte und Themen übertragbar sind. Dazu ist eine klassische Wirkungsmessung anhand geeigneter Untersuchungsdesigns wichtig, um die Forschung über Citizen-Science durch Erkenntnisse der Ursache-Wirkungs-Beziehungen zu untermauern.
Eine allgemeine Herausforderung wissenschaftlich-empirischer Arbeitsweisen – auch für die Citizen-Science-Begleitforschung – besteht darin, dass sie sich an Gütekriterien der empirischen Sozialforschung halten muss, um die Aussagefähigkeit ihrer Ergebnisse sicherstellen zu können. Begleitforschende sollten sich dieser Qualitätsansprüche bewusst sein und eine Sichtbarkeit der Begleitforschung über die Citizen-Science-Community hinaus anstreben. Das bedeutet auch, dass Begleitforschung entsprechende Kompetenzen und Kapazitäten erfordert und damit mehr ist als eine Zusatzaufgabe für Mitarbeitende in Citizen-Science-Projekten. Gleichzeitig steckt in diesen Anfängen auch ein großes Potential für die (Weiter-)Entwicklung von ko-kreativen Zugängen der Begleitforschung. Nennenswert sind hier erste Ansätze der sog. Ko-Evaluierung, in der die Teilnehmer:innen an der Entscheidung über Projektziele und Evaluierungsinstrumente beteiligt sind.

BOX 11 Best-Practice-Beispiele

Ein erwähnenswertes Beispiel stellt in diesem Kontext das Verbundprojekt WTimpact des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin, des Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung (TROPOS) in Leipzig, des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) in Kiel und des Leibniz-Instituts für Wissensmedien (IWM) in Tübingen dar. Ziel des Projektes ist es herauszufinden, was die Teilnehmer:innen aus Citizen-Science-Projekten mitnehmen.  Dabei wird z. B. untersucht, wie sich Fachwissen und die Fähigkeit zum wissenschaftlichen Denken der Teilnehmer:innen über die Projektlaufzeit entwickeln, wie die Teilnehmer:innen Bürger:innen ihre eigene Aktivität sowie die Themen des Projektes wahrnehmen, und ob sich ihre Einstellungen zu Naturwissenschaften und Citizen-Science verändern. Aus den gewonnen Erkenntnissen sollen Empfehlungen für die Gestaltung und Umsetzung zukünftiger Citizen-Science-Projekte entwickelt werden.

(Projektlaufzeit: 09/2017 – 02/2021; gefördert vom BMBF; weitere Infos: http://www.izw-berlin.de/de/buergerwissenschaften-1581.html)

Ein weiteres Beispiel stellt die Begleitforschung der Citizen-Science-Aktion „Plastic Pirates – Go Europe!“ dar. Diese wird am Lehrstuhl für Lehr-Lernforschung der Ruhr-Universität Bochum realisiert. Ziel ist es, Erkenntnisse über die W

irkung der Teilnahme an der Aktion zu gewinnen und den Erfolg der Wahrnehmung innerhalb der EU auf die Aktion sichtbar zu machen. Um kausale Effekte in großangelegte Citizen-Science-Projekten messen zu können, wurde ein Forschungsdesign entworfen, das die Untersuchung großer Stichproben mit Wirkstudien in kontrollierten experimentellen Settings verbindet. Es wird der Frage nachgegangen, ob die wissentliche Teilnahme an der Citizen-Science-Aktion anhaltende Effekte z. B. auf das Interesse und die motivationale Qualität der Schüler:innen hat. Erfasst werden neben dem Interesse von Schüler:innen am Projektthema, deren Motivation, wissenschaftliche Arbeitsweisen anzuwenden u. a. auch ein möglicher themenspezifischer Wissenszuwachs bei den Schüler:innen durch die Teilnahme an der Aktion.

(Projektlaufzeit: 09/2020 – 12/2021; gefördert vom BMBF; weitere Infos: https://ife.rub.de/lllf/forschung/plasticpirates)

 

15.3. Handlungsempfehlungen

(15).1.

Citizen Science-Koordinator:innen sollten Begleitforschung als festen Bestandteil in Citizen Science-Projekte einplanen. Umgesetzt werden muss Begleitforschung durch interdisziplinäre Teams, bestehend aus den inhaltlich relevanten Fachwissenschaften und Sozialwissenschaftler:innen bzw. Bildungsforscher:innen.

(15).2.

Forschende sollten die bestehenden Methoden der Begleitforschung für Citizen Science weiter differenzieren. Gleichzeitig sollten neue Methoden entwickelt und erprobt werden.

(15).3.

Wissenschaftler:innen, Praktiker:innen und Förderinstitutionen sollten Begleitforschung und deren Ergebnisse an eine interessierte Öffentlichkeit kommunizieren.

(15).4.

Politiker:innen sollten Entscheidungen zu Citizen Science auf Grundlage von fundierten Ergebnissen der Begleitforschung treffen. Dabei sollten die Messung von Effekten mit empirischen Methoden sowie die Untersuchung von Kausalmechanismen mit theoriegeleiteten Forschungsansätzen verfolgt werden. Nur so lässt sich wissenschaftsbasiert prüfen, ob eine Maßnahme – insbesondere, wenn sie aus öffentlichen Geldern finanziert ist – ihre angestrebten Ziele erreicht und was die Erfolgskriterien hierfür sind. Begleitforschung schafft somit die Voraussetzungen für die Akzeptanz und die langfristige Verankerung von Citizen Science in der Gesellschaft.

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