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13. Archive, Bibliotheken, Museen und Wissenschaftsläden

13.1. State of the Art: Wo stehen wir mit dem Grünbuch?

Citizen-Science- und Open Science-Projekte haben in Zahl und thematischer Breite in Deutschland seit Herausgabe des Grünbuchs erkennbaren Zuwachs erfahren. Dies erstreckt sich auch auf Archive, Bibliotheken, Museen und Wissenschaftsläden, die im Grünbuch noch nicht adressiert wurden. Die zunehmende Digitalisierung wissenschaftlicher Sammlungen ermöglicht beispielsweise die Einbeziehung von Bürgerforscher:innen, die an verschiedenen Orten in der Welt leben und nun gemeinsame Austauschplattformen haben (vgl. Box 10) [104,105]. Es besteht großes Potential, Citizen-Science als kreativen Ansatz mit einem Mehrwert für Gesellschaft und Wissenschaft zu nutzen. Doch während Open Science bereits einen festen Platz hat, gibt es im deutschsprachigen Raum jenseits von Crowdsourcing-Projekten [106,107] vergleichsweise wenig partizipative Forschung an Museen, Archiven und Bibliotheken, die sich als Bürgerforschung versteht und sich bspw. auf der nationalen Plattform „buergerschaffenwissen.de“ registriert hat [108,109]. Dabei gibt es mit den historischen und kulturellen Vereinen eine teilweise schon über 150-jährige Tradition bürgerwissenschaftlichen Engagements, an die angeknüpft werden könnte (vgl. am Beispiel von Geschichtsvereinen [110]). Besonders Archive, aber auch Bibliotheken und Museen waren und sind seit dem 19. Jahrhundert feste Kooperationspartner von Fachgesellschaften und Vereinen, stell(t)en Räume als Treffpunkte zur Verfügung, boten/bieten deren Sammlungen einen Ort und veröffentlich(t)en deren Publikationen. Aktuelle Beispiele aus dem Bibliotheksbereich, die an diese Tradition anknüpfen, sind die enge Verbindung zwischen der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften und des Kulturhistorischen Museums Görlitz als städtischen Einrichtungen mit der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften e.V. als bürgerschaftlich organisierter Fachgesellschaft, oder der SLUB Dresden als Landesbibliothek mit dem Dresdner Verein für Genealogie e.V. und dem Verein für sächsische Landesgeschichte e.V., der zusätzlich eng mit dem Sächsischen Staatsarchiv – Hauptstaatsarchiv Dresden kooperiert.

Wissenschaftsläden (und öffentliche Bibliotheken) nähern sich der Bürgerforschung von der partizipativen Methodik her, während Archive, (wissenschaftliche) Bibliotheken und Museen meist über Inhalte, d.h. ihre Bestände und ihre Sammlungsschwerpunkte in bürgerwissenschaftlichen Kontexten aktiv sind. Beide Ansätze in Kombination machen den gemeinsamen Wert als Transfereinrichtungen aus, der über eine reine Dienstleistungsfunktion hinausgeht und die Befähigung der Bürgerinnen und Bürger zum eigenständigen Forschen in den Fokus stellt. Mithilfe solcher Transfereinrichtungen kann es zu einer Transformation kommen, bei dem das Schaffen wissenschaftlicher Erkenntnisse Teil eines partizipativen Prozesses wird und akzeptiert wird, dass sich diese Erkenntnisse stetig weiterentwickeln und verändern. Hier sind insbesondere Transfereinrichtungen in der Pflicht, einen offenen Umgang mit Wissenschaft voranzutreiben, um die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft in Zeiten der Wissenschaftsskepsis zu befördern.

13.2. Was sind die Bedürfnisse, Möglichkeiten und Herausforderungen?

Heute verfügbare digitale Formate bieten vielfältige Möglichkeiten, um das Sammeln und Auswerten von Daten, das Entwickeln von Forschungsfragen und das praktische Anwenden von Forschungsergebnissen als Gemeinschaftsaktivität von Forschungs-„Profis“ und -„Laien“ auszubauen. Dabei zeichnen sich erfolgreiche Formate dadurch aus, dass die Einrichtungen sie flexibel auf die Zielgruppen anpassen bzw. sie mit ihnen gemeinsam entwickeln, indem beispielsweise das vorhandene Datenmaterial aus Sammlungen genutzt wird, um es mit Forschungsfragen von ehrenamtlich Forscher:innen abzugleichen. Nicht jeder Forschungsprozess macht als bürgerwissenschaftlicher Prozess Sinn, aber optimal im Sinne von Citizen-Science wird er in unserem Kontext überall dort, wo Bürgerinnen und Bürger Fragen formulieren, die  wissenschaftlich mithilfe unserer Sammlungen und Bestände beantwortet werden können.

Die Erfahrung zeigt, dass die Ziele der Forscher:innen oft weit auseinanderliegen: Die einen wollen ihr Herzensanliegen ergründen, die anderen gesellschaftlich relevante Probleme lösen, wieder andere Zusammenhänge oder Grundlagen erforschen – oder sie haben schlicht Freude am Mit-Tun und Mit-Entdecken. Gerade wenn „Profis“ und „Laien“ im gemeinsamen Prozess forschen, liegt in der Klärung der Ziele eine ganz wesentliche Herausforderung. Diese Klärung kann auch der Schlüssel dazu sein, mehr Offenheit für den Forschungsprozess des jeweils anderen zu entwickeln. ABMWs können jenseits eines konkreten Erkenntnisinteresses aufgrund ihrer breiten inhaltlichen Ausrichtung eine Anlaufstelle und ein Ort des Austausches für alle diese Spezialinteressen sein. Dabei müssen sie auf die Einhaltung wissenschaftlicher Standards und Standards guter Zusammenarbeit mit Bürgerforscher:innen und ProjektpartnerInnen ebenso achten wie auf die Beachtung rechtlicher Vorgaben und ethischer Diskussionen (vgl. Handlungsfeld 7).

Die Aufgabe von Transferorganisationen wie Archiven, Bibliotheken, Museen und Wissenschaftsläden sollte es sein, immer wieder flexibel Partizipations- und Kommunikationsformate zu entwickeln und anzuwenden. Dabei sollten sie aktiv auf die Zielgruppen zugehen, für die sie aufgrund ihrer Bestände, Methodenkompetenz und Forschungserfahrung Angebote machen können. Ein Beispiel hierfür sind Transkriptionswerkstätten, in denen die Teilnehmer:innen gemeinsam mit Mitarbeitenden aus ABMWs an historischen Dokumenten arbeiten und z.B. über die eigene Auswahl von Dokumenten in die wissenschaftliche Arbeit integriert werden.

Ihre Aufgabe ist es außerdem, gemeinsame und getrennte Forschungswege zu definieren, damit jede/r Akteur:in im inter- und transdisziplinären Forschungsteam das eigene Ziel erreicht und sich nicht als Handlanger des jeweils anderen wahrnimmt. So kann es wertvoll sein, ein Stück des Forschungsprozesses gemeinsam zu bestreiten, um dann wieder getrennt weiterzumachen. Ein Beispiel ist die gemeinschaftliche Erstellung von Korpora in der Transkription historischer Datenbestände, auf deren Basis dann jeweils unterschiedliche Forschungsfragen bearbeitet werden können. Jenseits der Verfolgung eigener Ziele – z.B. der Unterstützung bei der Erschließung eigener Bestände durch Crowdsourcing – können ABMWs u.a. in der Bereitstellung von Beständen, aber auch in der Vermittlung von Methoden und Techniken oder in der Bereitstellung von Arbeitsplattformen und Publikationsmöglichkeiten Bürgerforscher:innen an verschiedenen Punkten des Forschungskreislaufes bei deren eigenen Projekten unterstützen. Dies kann für die Gedächtnisinstitutionen u.a. auch bedeuten jenseits der eigenen Systeme dort tätig zu werden, wo die Bürgerforscher:innen selbst aktiv sind – z.B. in den verschiedenen Wikimedia-Portalen wie Wikipedia, Wikisource, Wikidata und Wikimedia Commons, wo zahlreiche Objekte aus den Einrichtungen digital vorgehalten, erschlossen und weiterbearbeitet werden [111, S.165-169, S.174-177].

BOX 10 Netzwerke, AG’s & Best-Practice-Beispiele

Netzwerke

AG’s

Best-Practice Projekte

Wie auch immer Partizipation und öffentliches Engagement in Projekten oder Forschungsprozessen ausgestaltet wird, sie sollte von allen Beteiligten stets als „Bestreben zu Lernen“ verstanden werden. Jenseits einer reinen „Partizipationsfähigkeit“ von Bürgerforscher:innen müssen ABMWs auch eine eigene „Zusammenarbeitsfähigkeit“ [112] entwickeln, also sich auf unterschiedliche Bedürfnisse und Interessen einstellen lernen und dafür geeignete Strukturen und Prozesse entwickeln. Die vorhandene Vielfalt von partizipativen Formaten und Instrumenten für Beteiligung und Engagement sollte genutzt oder neu kombiniert werden. Es müssen experimentelle Räume geschaffen werden – sowohl physisch als auch virtuell und konzeptionell –, in denen Austausch und gemeinsames Lernen in den ansonsten eher getrennten Bereichen von Gesellschaft und Wissenschaft stattfinden können [113,114]. Durch ihre institutionelle Stabilität und durch ihre Rolle als Treffpunkte, die jährlich von vielen Tausend Menschen unterschiedlicher Herkünfte und Hintergründe besucht werden, sind AMBWs in besonderer Weise als Schnittstellen geeignet. Dafür ist es wichtig, dass sie künftig auch untereinander stärker kooperieren und ihre Bestände und Sammlungen stärker aufeinander beziehen – die Voraussetzungen dafür sind durch die Digitalisierung mehr denn je gegeben [115].

Thesenartig lässt sich für die künftige Entwicklung von Citizen-Science in diesen Einrichtungen daher folgern: 1) Um die Funktion als Schnittstelle wahrzunehmen, müssen die Gedächtnisinstitutionen sich aus einer passiven Rolle des “besucht”- oder “genutzt”-Werdens hinaus begeben und aktiv die Zusammenarbeit mit ihren NutzerInnen suchen und fördern. 2) Als Transfereinrichtungen sollten Archive, Bibliotheken, Museen und Wissenschaftsläden ihre Chance nutzen, Räume des gemeinsamen Experimentierens und Lernens zu schaffen und dadurch das Vertrauen in eine Wissenschaft zu ermöglichen, die sich selbst fortwährend in Frage stellen und Ergebnisse überprüfen darf. 3) Angesichts beschränkter Ressourcen muss die (bürger-)wissenschaftliche Partizipation durch die Festlegung gemeinsamer und getrennter Ziele der Forscher:innen effektiv gestaltet werden. 4) Um das Wissensmanagement auf eine breitere Basis zu stellen, müssen die Transfereinrichtungen zusätzlich verstärkt digitale Kommunikationsformen und Projekte entwickeln oder diese unterstützen.

 

13.3 Handlungsempfehlungen

 

Integration in Prozesse von Wissenschaft, Politik & Praxis

(13).1.

Aktiv werden: Um die Funktion als Schnittstelle wahrzunehmen, müssen die Gedächtnisinstitutionen wie Archive, Bibliotheken, Museen und auch Wissenschaftsläden (ABMW) sich aus einer passiven Rolle des “besucht”- oder “genutzt”- Werdens hinaus begeben und aktiv die Zusammenarbeit mit ihren NutzerInnen suchen und fördern. Hierfür müssen Stellenanteile eingeplant, in Tätigkeitsbeschreibungen aufgenommen und in  Ausschreibungen  verankert werden. Citizen Science muss von Leitungen als Handlungsziel befördert werden und in die entsprechenden Strategien und Haushaltsplanung aufgenommen werden. Damit Archive, Bibliotheken, Museen und Wissenschaftsläden diese Aufgaben adäquat erfüllen können, sind entsprechende finanzielle Rahmen und Förderrichtlinien zu schaffen, um den hauptamtlich Beschäftigten durch unbefristete Anstellungsverhältnisse Sicherheit und Handlungsspielraum zu ermöglichen.

 

Bestehendes Stärken

(13).2.

Zusammenarbeit mit Communities: Als Transfereinrichtungen sollten ABMWs ihre Chance nutzen, Räume des gemeinsamen Experimentierens und Lernens zu schaffen. ABMW können als Bindeglied zwischen der Wissenschaft und existierenden Forschungscommunities (z.B. historische, genealogische oder naturkundliche Vereine) agieren und durch die Bereitstellung geeigneter Werkzeuge und Infrastrukturen die Zusammenarbeit stärken. Sie können dadurch das Vertrauen in eine Wissenschaft ermöglichen, die sich selbst fortwährend in Frage stellt und Ergebnisse überprüfen darf.

 

Neues Schaffen

(13).3.

Die Methode muss zum Ziel passen: Angesichts beschränkter Ressourcen muss die (bürger-)wissenschaftliche Partizipation durch die Festlegung gemeinsamer und getrennter Ziele der Forscher:innen effektiv gestaltet werden.  ABMWs sollten sich hierbei auf ihre jeweiligen Kernthemen und -kompetenzen konzentrieren, um eine effektive Forschungsunterstützung leisten zu können.

(13).4.

Digitalisierung: Um das Wissensmanagement auf eine breitere Basis zu stellen, müssen Transfereinrichtungen wie ABMWs zusätzlich verstärkt digitale Kommunikationsformen und Projekte entwickeln oder diese unterstützen. ABMWs sollten daher Digitalstrategien für die Förderung von Citizen Science-Aktivitäten formulieren, die nach innen gerichtet eine angemessene technische Ausstattung und einen Zugang zu notwendigen digitalen Tools ermöglichen. Nach außen gerichtet sind öffentliche Räume und inklusive Zugänge zu Technik und Tools zu ermöglichen sowie Nutzende in deren Anwendung zu schulen.

(13).5.

Mitarbeiter:innen von ABMWs sollten Fortbildungen im Bereich Citizen Science wahrnehmen, um auf die Anforderungen vorbereitet zu sein. Zudem sollten sie untereinander im Austausch stehen – inner- wie interinstitutionell –, um von Erfahrungen gemeinsam zu profitieren.

(13).6.

Citizen Science ist Teil der archivarischen, bibliothekarischen und museologischen Ausbildung, um frühzeitig ein Bewusstsein und Verständnis für Citizen Science in den Berufszweigen zu fördern.

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